King Lear – Ein Lehrstück der Empathie?
Wie der englische Dramatiker William Shakespeare die Sympathien seines Publikums in seiner dunkelsten Trag?die – King Lear – lenkt und warum auch Bertolt Brecht sich für dieses Stück interessiert hat: Damit befasst sich der Augsburger Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Mathias Mayer. Seine Erkenntnisse hat er in einem Buch zusammengetragen. Auftritt Lear. Stattlicher K?nig, j?hzorniger Vater und im Begriff, sein Reich unter seinen drei T?chtern aufzuteilen. Einen nichtssagenden Liebesschwur will der alte Mann noch h?ren. Doch gerade Cordelia, die jüngste und herzensgut, verweigert diesen t?richten Wunsch. Soeben noch Lieblingstochter, wird sie vom Erbe ausgesto?en. Lears Freunde voller Entsetzen, die beiden anderen T?chter voller Schadenfreude. Und der Zuschauer, der diese Szene aus Shakespeares King Lear zu sehen bekommt? ?Dieser verweigert jegliche Empathie gegenüber dem alten K?nig“, sagt Literaturwissenschaftler Prof. Mathias Mayer. Und fügt ein ?noch“ hinzu. missachten, in den Wahnsinn, in dem er dann sprachm?chtig gegen die Unbarmherzigkeit der Welt tobt und klagt. Ihm gehen nun die Augen auf, und er gewinnt durch seine Erniedrigung schrittweise die Empathie, das Verst?ndnis und die Teilnahme des Publikums zurück. Mayer beschreibt dazu verschiedene Wege. Am wichtigsten seien die sogenannten Stellvertreterfiguren des Publikums. ?Damit ist gemeint, dass Lears Handeln von au?en beobachtet und auch kommentiert wird, Reaktionen des Zuschauers werden schon auf der Bühne selbst sichtbar.“ Hierher geh?rt etwa der zwischen Tragik und Komik zerrissene Hofnarr, der den wahnsinnigen K?nig bis auf die von Sturm und Regen gepeitschte Heide begleitet. ?Seine Weisheiten geh?ren zu den bittersten S?tzen, die der britische Dramatiker geschrieben hat.“ Das Buch ??King Lear - Die Trag?die des Zuschauers. ?sthetik und Ethik der Empathie“ von Matthias Mayer (Lehrstuhlinhaber Neuere Deutsche Literaturwissenschaft) ist im Wallstein-Verlag erschienen und im Buchhandel erh?ltlich.
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Passend zum 400. Jubil?um von Shakespeares erster Gesamtausgabe, der sogenannten First Folio, hat Mayer seine Forschung in dem Buch ?King Lear – die Trag?die des Zuschauers“ zusammengetragen. Der Augsburger Germanist geht gegenüber anderen Ans?tzen – Fragen des Charakters, der Macht, der Familie, des Mitleids – in eine neue Richtung. ?Dass ausgerechnet die Hauptfigur gleich in der ersten Szene offenbar alles daransetzt, die Sympathie des Publikums zu verlieren, ist h?chst verwunderlich“, sagt der Literaturwissenschaftler. ?Noch verwunderlicher deshalb, weil Shakespeare gerade diesen Anfang gegenüber seiner literarischen Vorlage verst?rkt, also noch unverst?ndlicher gemacht hat.“
Zeit für eine neue Perspektive, die zun?chst in einem Seminar an der Universit?t Augsburg im Rahmen des Studiengangs ?Ethik der Textkulturen“ diskutiert wurde: Lears Weg führt, nachdem die heuchlerischen T?chter ihn verleugnen undWiederholungen und Leitmotive
Eine andere Art der Zuschauerlenkung sei die raffinierte Technik, mit der in der Trag?die durch Wiederholungen und Leitmotive – etwa der Kleidung bzw. der Nacktheit, der Blindheit oder des Sehens – eine Verst?ndigung mit dem Publikum über die K?pfe der Bühnenfiguren hinweg erzeugt wird. Mayer: ?Diese Technik wird erst wieder in Richard Wagners Leitmotivtechnik so gekonnt praktiziert.“ Zus?tzlich habe Shakespeare sein Stück, das in vorchristlicher Zeit spielt, mit diversen Bibelanspielungen unterlegt, durch die mit dem Elisabethanischen Publikum ein Dialog geführt wurde.
Der Literaturwissenschaftler untersucht auch, wie andere Autoren das Werk aufgreifen. Adalbert Stifter etwa hat in seinem Roman Der Nachsommer eine Aufführung beschrieben, die der Zuschauer als eine erschütternde Erfahrung der ?wirklichsten Wirklichkeit“ wahrnimmt, obwohl sie nur gespielt ist. Selbst ein so kritischer Geist wie Bertolt Brecht, der dem Theater der harmlosen Einfühlung den Kampf angesagt hat (?glotzt nicht so romantisch“), konnte sich der Macht dieses Stückes nicht entziehen. Mayer kommt zu dem Schluss, dass Brecht zu den besonders raffinierten Shakespearelesern z?hlt. ?Er hat keine Scheu, ein Stück, in dem Empathie eine gro?e Rolle spielt, im Licht seines dialektischen und epischen Theaters zu lesen, zu studieren, und wertzusch?tzen“.
Wie ist es am Ende um die Empathie des Zuschauers bestellt? Lear, dem die versto?ene Tochter Cordelia (gegen die feindliche Macht ihrer Schwestern) zu Hilfe geeilt war, verliert den Kampf und bricht verzweifelt über der get?teten Lieblingstochter zusammen. Kurz davor ist es zu einer vers?hnlichen Wiederbegegnung gekommen. ?Mit dem Schluss zusammen geh?rt sie zu den bewegendsten Szenen der Empathie, die das Theater kennt“, meint Mathias Mayer.
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